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2. Bundesliga Wetten

Peter Neururer zur 2. Bundesliga: „HSV ist fast verpflichtet dieses Jahr aufzusteigen“

Philipp Stottan  17. Juli 2022
Peter Neururer
Peter Neururer hält sich im Wettbasis-Interview nicht zurück. (© IMAGO / Markus Endberg)

Peter Neururer ist einer der Größe und Kultfiguren des deutschen Fußballs. Vor allem in der 2. Bundesliga konnte der Trainer einiges an Erfahrung sammeln, pünktlich zum Zweitliga-Start ist er bei „Beidfüßig“ zu Gast.

Neben einer Prognose zur kommenden Saison der zweithöchsten Spielklasse, inklusive HSV, Düsseldorf, Hannover und Co. spricht Peter Neururer auch ausführlich über die 3. Liga rund um Rot-Weiss Essen und den MSV Duisburg.

Aber er übt auch harte Kritik am modernen Fußball. Von Lewandowskis Wechseltheater, über Ausstiegsklauseln in Verträgen und geldgierigen Beratern, bis hin zur WM 2022 in Katar.

Das komplette Interview gibt es wie gewohnt im „Wettbasis Sportwetten“ Youtube Channel unter „Beidfüßig Star Talk“ auch zu hören und zu sehen.

 

 

Peter Neururer zur 2. Bundesliga: „HSV ist verpflichtet aufzusteigen“

 
Wettbasis: Wir haben einen echten Experten für die 2. Bundesliga zu Gast: Peter Neururer.

Peter Neururer: „Hallo, Grüß dich.“

 
Wo sind Sie und was machen Sie gerade? Das sieht nach Training aus.

„Im Moment sitze ich herum und darf glücklicherweise mit Ihnen über die 2. Liga sprechen. Ich kümmere mich für den VdV [Vereinigung der Vertragsfußballspieler, Anm.] um arbeitslose Fußballer und wir sind derzeit auf Trainingslager in Österreich. Wir haben gestern ein Testspiel gehabt Deutschland gegen Österreich, 2:2 gespielt hier im Burgenland in der Jugendakademie in Mattersburg.

Die haben früher ja österreichische Bundesliga gespielt und dann aber einem Finanz-Debakel unterlegen sind, aber die Bedingungen für uns hier im Landessport-Zentrum sind gut. Und wir bewegen die vertragslosen Spieler, damit sie wieder Verträge bekommen.“

 
Ein 2:2 freut wahrscheinlich auch die Österreicher, würde ich mal sagen.

„Denke ich auch. Wunderbares Ergebnis, wir haben 0:2 zurückgelegen und mit deutschen Stärken aufgeholt, angetrieben von einigen Kubanern usw., aber auch mit deutschen Spielern. Alle Spieler des VdV haben Mentalität gezeigt. “

 
Wer zeigt nun in der 2. Bundesliga die größte Mentalität? Schalke, Bremen, HSV waren die Favoriten, zwei davon haben sich nach oben verabschiedet. Wen sehen Sie vor Saison-Beginn als Favorit?

„Das Problem ist ja, dass man vor Ende der Transferphase die Tipps abgibt und da liegt man zu 99% daneben. Ich hab auch daneben gelegen. Ich hatte immer die Hoffnung dass Schalke aufsteigt, konnte es mir aber nur nicht vorstellen mit den Möglichkeiten die damals vorhanden waren.

Jetzt haben sie es geschafft, wenn auch unter eigenartigen Umständen, weil mit neun Niederlagen den Bundesliga-Aufstieg zu schaffen, sagt schon etwas über die Qualität der Liga aus. Ich bin also vorsichtig mit der Favoriten-Rolle, aber eigentlich müsste der HSV dran sein es endlich zu schaffen. Das fünfte Jahr hintereinander Zweitligist, das tut verdammt weh. Das tut vor allem dem Portemonnaie weh. Keine Fernsehgelder, nicht beim Konzert der Großen mitspielen. Der HSV ist vor allem fast schon verpflichtet dieses Jahr aufzusteigen, weil sonst werden sie bald als ordinärer Zweitligist behandelt und die Favoritenrolle mit Sicherheit nicht mehr einnehmen.

In diesem Jahr sind sie für mich aber Favorit, weil die zwei Großen raus sind. Die, die neu dazu gekommen sind von unten sorgen für Attraktivität. Aber Bielefeld und Greuther Fürth können Schalke und Bremen nicht ersetzen, daher glaube ich, dass der HSV der absolute Topfavorit ist.“

 
Auch, wenn es interne Grabenkämpfe gibt? In der Führungsebene knallt es ja permanent.

„Das ist das große Problem, das den Verein stetig begleitet und ihm einen Stock zwischen die Beine wirft, anstatt gebündelt vorzugehen. Potenzial ist in Hamburg sicher vorhanden, aber das ging ja schon in den Jahren so, als Kritiker gesagt haben der HSV ist zu dumm zum Absteigen.

Der HSV hat Glück gehabt in einigen Momenten, hat die Situation aber nicht erkannt und ist dann abgestiegen. Dann vier Mal hintereinander am Aufstieg geschnuppert und immer wieder gescheitert. Und die internen Dinge waren eigentlich immer der Auslöser dafür, dass der HSV seine Zielsetzung mal wieder nicht erreicht hat.“

 
Ein Thema, das sie wohl die ganze Saison begleiten wird.

„Das hängt von den Ergebnissen ab. Wenn der HSV wie immer gut startet – zumindest in den Jahren vor der letzten Saison, wo sie erst gegen Ende durchgestartet sind und zumindest die Relegation erreicht haben – wird hoffentlich Ruhe einkehren.

Man wird aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, keine Frage, aber die Mannschaft muss eine Linie haben, diese dürfen sie auch nicht verlassen. Und wenn sie eine gute Linie haben, davon gehe ich aus, dann müsste der HSV Favorit sein.“

 
Sie selbst sind ja in die Bundesliga aufgestiegen.

„Ich bin ein einmal mit dem VfL Bochum aufgestiegen und einmal mit Saarbrücken. Ich habe es auch geschafft mit Schalke in der Saison 90/91 in dem Moment, in dem ich auf dem Aufstiegsplatz gelandet bin, beurlaubt zu werden. Den Aufstieg hat man mir dann zugeschrieben, also die drei Mal kann ich verbuchen für mich, aber ansonsten waren leider nicht mehr Aufstiege da. Die restliche Zeit habe ich dann mit anderen Vereinen in der Bundesliga verbracht.“

 

Trainer-Stationen von Peter Neururer

Verein Spiele
VfL Bochum 193
Schalke 04 69
FC Saarbrücken 68
FC Köln 60
Alemannia Achen 47
Hannover 96 46
Rot-Weiß Ahlen 43
MSV Duisburg 34
Kickers Offenbach 27
Hertha BSC 12
Rot-Weiß Essen 9
Fortuna Düsseldorf 8

 

Hannover und Düsseldorf sind zwei Vereine, die Sie betreut haben. Welche Chancen sehen Sie bei denen?

„Hannover 96 muss den Anspruch haben wieder zurück zu kommen, sie sind lang genug jetzt in der 2. Liga. Sie haben alle Leistungsträger des letzten Jahres halten können, aber die haben nur ausgereicht um mal eben so die Klasse zu halten. Das ist weit weg von den Zielen von Hannover.

In diesem Jahr glaube ich wird 96 oben mitspielen können und wer oben mitspielen kann, der hat durchaus auch Chancen auf den Aufstieg. Der Kader ist etabliert, ist punktuell verstärkt worden und das Umfeld schreit eigentlich danach wieder zurück zu kommen. Das ist überhaupt keine Frage. Ich glaube sie haben berechtigte Chancen haben.

Das Gleiche gilt eigentlich auch für Fortuna Düsseldorf. Alle Leistungsträger gehalten, in der Rückrunde dank Daniel Thioune wirklich gut und erfolgreich Fußball gespielt. Die Fortuna Fans sind wieder wach geworden. Die Ansprüche, die Klaus Allofs ja immer hat, dass Düsseldorf zum Favoritenkreis gehört.

Sie müssen die jeweiligen Situationen annehmen lernen, in die sie reingeträgt werden. Es gibt 4, 5, 6 Vereine von denen ich überzeugt bin sie könnten aufsteigen.“

 
Welche Vereine sind das?

„Ich gehe davon aus, dass der HSV dazu gehört. St. Pauli, die immer wieder Ansätze gezeigt haben, die müssen sie jetzt beweisen. Hannover 96, Fortuna Düsseldorf, der 1. FC Nürnberg. Heidenheim, seit Jahren überragende Arbeit abliefern, gehört sicher zu diesen Kreisen.

Und dann kommt noch immer ein Verein dazu, mit dem eigentlich keiner rechnet. Ich bin mal gespannt auf die Aufsteiger, auf Kaiserslautern, Braunschweig und eben Magdeburg, wo die landen werden.
Einer der Vereine, die jetzt eben nicht genannt wurden, werden diesem Sextett aber Probleme machen.“

 
Wir haben mit dem Zweitliga-Rekordhalter Willi Landgraf gesprochen, den Sie sicher auch gut kennen…

„Ja, der hat bei mir sein erstes Spiel im Profi-Bereich gemacht, bei RW Essen damals. Den Willi habe ich natürlich verfolgt, ist im Moment Jugendtrainer bei Schalke 04. Ein Urgestein, gar keine Frage.

Ich habe mich bei immer gefragt: Du bist ja Rekordhalter in der 2. Liga, wunderbar und schön, aber wieso hast du nicht ein einziges Spiel in der 2. Liga gemacht?“

 

Peter Neururer: „Werde sicher keine Trainer-Position mehr bekleiden“

 
Leider ist ihm das nicht vergönnt gewesen. Landgraf hat uns gesagt, der 1. FC Kaiserslautern die Überraschungs-Mannschaft in der 2. Bundesliga. Die haben jetzt schon ca. 17.000 Dauerkarten verkauft.

„Das ist die große Frage die man sich stellen muss. Sie haben in der Endphase der Vorsaison ein klein wenig geschwächelt, haben den Trainer getauscht. Die Relegation hat Dirk Schuster gemacht, auch ein erfahrener Trainer und ein ehemaliger Spieler von mir, der weiß wie man aufsteigt.

Aber ich glaube, dass sich Kaiserslautern erst einmal finden muss in der neuen Liga. Man verstärkt sich, man ist großartig aufgestellt, aber man muss die Liga annehmen. Ich finde, dass Kaiserslautern auf jeden Fall die Attraktivität der 2. Liga nach oben pusht. Im ersten Spiel gegen Hannover wird der Betzenberg gleich richtig brummen. Ich rechne mit ausverkauftem Haus, die Zuschauer freuen sich auf Kaiserslautern, ein ehemaliger deutscher Meister.

Dass sie aber gleich in der Spitzengruppe landen, wage ich zu bezweifeln. Ich glaube, da ist der Willi ein klein wenig nach vorne geprescht und schiebt ihnen eine Rolle zu, die sie in der ersten Saison wohl nicht gleich erfüllen können.“

 
Durchmärsche haben wir oft genug erlebt, gerade bei Kaiserslautern.

„Die haben gezeigt wie es geht, dann aufsteigen und direkt deutscher Meister werden. Aber das ist Vergangenheit und diese Trainer-Füchse wie Otto Rehhagel sind leider nicht mehr im Amt.“

 
Aber Sie sind ja noch da.

(lacht) „Ja ja, aber ich werde sicher keine Trainer-Position mehr bekleiden. Ich bin bestrebt, dass der Wupperstaler SV [Vorstandsmitglied, Anm.] von der Regionalliga in die 3. Liga kommt, irgendwann einmal. Mal schauen, was uns die Zeit da zeigt. Aber als Trainer wird man mich in der 2. Bundesliga sicher nicht mehr sehen.“

 
Wer wird nun also die Überraschungsmannschaft in der 2. Bundesliga?

„Das ist die Frage. Überraschend wohin? Überraschenderweise den Klassenerhalt schafft? Da würde ich nichts raushauen. Überraschenderweise zu den von mir als ersten Sechs genannten dazustoßen? Dafür sind einige Vereine prädestiniert dazu – was ist mit Karlsruhe, was ist mit den beiden Absteigern? welche Philosophie haben die?

Ich habe immer gesagt, die sogenannten Experten, denen ich mich auch zugehörig fühle, sollen dann Tipps abgeben, wenn man weiß wie genau die Teams aussehen. Ich erinnere mich an Werder Bremen im letzten Jahr, zum Anfang der damaligen Saison wusste der Trainer Markus Anfang noch gar nicht, wie lange er im Amt bleibt und mit welcher Mannschaft er arbeiten wird. Man muss die Transferphase abwarten und schauen wie die Mannschaft dann aussieht. Nach dem zweiten oder dritten Spiel wird man sicher etwas sagen können.

Bei Kaiserslautern zum Beispiel, die werden noch weiter Leute verpflichten, und bis dahin ist es schwer einen Tipp abzugeben.“

 
Zum Abschluss der 2. Bundesliga brauchen wir Tipps von Ihnen, bitte immer einen Satz: Braunschweig – HSV.

„1:3, die Hamburger werden sofort die Erfolgsspur einnehmen.“

Magdeburg – Düsseldorf.

„1:1. Magdeburg als Aufsteiger, volle Hütte, tolle Stimmung.“

St. Pauli – Nürnberg.

„2:1, sie knüpfen an die guten Leistungen der letzten Hinrunde an.“

Kaiserslautern – Hannover 96.

„1:1, Unentschieden ist das richtige Ergebnis.“

 

Neururer über Rot-Weiss Essen: „In Kürze wieder in der 2. Liga“

 
Sie sind auch ein Kenner des West-Fußball und dort gehen wir jetzt auch hin. Nach 15 Jahren ist Rot-Weiß Essen wieder hoch gekommen in die 3. Liga, welche Rolle spielen die jetzt?

„RW Essen ist ein Phänomen. Man spricht immer von Tradition, Mentalität, was auch immer. Das ist ein Verein, der unglaubliche Emotionen bewegt. Jetzt gebündelt in der ganzen letzten Saison, nachdem man in der vorherigen Saison mit 90 Punkten nicht aufgestiegen ist. Nun hat man es nach 10, 11 Jahren endlich geschafft zurück zu kommen in die 3. Liga und das wird sicher nicht das Ende von RW Essen sein.

Die haben Stand jetzt glaube ich schon 9.000 Dauerkarten verkauft, man hat sich sogar überlegt die Ecke zu schließen und damit noch mehr Zuschauer reinzubringen. Ich bin mir sicher, da wird ein Rekord nach dem anderen fallen in der 3. Liga. Rot-Weiss Essen wird, davon bin ich überzeugt, mit dem Abstieg nichts zutun haben. Die werden in der Liga sehr gut sein, sie schnell annehmen.

Allerdings werden sie die Liga nicht dominieren, sondern sukzessive den Erfolg mitnehmen, vernünftige Zielsetzung deklarieren – also frühzeitig den Klassenerhalt schaffen – um dann wiederum frühzeitig planen zu können. Ich glaube, dass wir RW Essen in Kürze, maximal drei Jahre, in der 2. Bundesliga sehen werden.“

 
Und was ist mit dem Konkurrenzklub, den Zebras vom MSV Duisburg, die mit Ach und Krach den 15. Platz geschafft haben? Die Vorbereitungsspiele waren nicht prickelnd.

„Man sagt immer Vorbereitungsspiele sagen noch nicht so viel aus, aber Vorbereitungsspiele sorgen natürlich ganz, ganz schnell für eine gewisse Stimmung. Die ist natürlich beim MSV nicht so angetan, dass man nach den Leistungen in der Vorbereitung sich wieder zum Favoritenkreis der 3. Liga zählen kann.

Dafür reicht es auch mit Sicherheit nicht. Duisburg hat finanzielle Probleme, wie das ganze Ruhrgebiet eigentlich finanzielle Probleme hat im Fußballbereich, bis auf RW Essen.
Ich glaube aber, dass Duisburg mit dem Abstiegskampf in diesem Jahr nichts zutun haben wird. Und auch hier die Prognose. In drei oder vier Jahren müssen sie wieder zurückkommen, zumindest in die 2. Liga.

Das wird wahnsinnig schwer, da muss man sich finanziell erst einmal konsolidieren, die Möglichkeit besteht aber durchaus, wenn man sich realistische Ziele setzt und das Publikum mitnimmt, das in Duisburg ja schnell wieder da sein kann.“

 
Essen kann sich locker retten, Duisburg wohl auch. Aber wer ist dann für Sie der Favorit auf den Aufstieg in die 2. Bundesliga? 1860?

„1860 sehe ich sicher als einen der Favoriten, Waldhof Mannheim, der 1. FC Saarbrücken, die werden sicher ein gewaltiges Wort mitreden. Und dann kommt es wieder: Der ein oder andere mit dem man nicht rechnet.

Was ist mit Dynamo Dresden zum Beispiel? Die werden sicher den Anspruch haben: Zurück, so schnell wie möglich. Die gehören auch zum Favoritenkreis, alles andere wird sich ergeben.

Ich glaube aus diesen vier Mannschaften werden wir sicher zwei sehen die direkt aufsteigen und einer davon wird die Relegation schaffen.“

 
Der Sommer ist bis hierhin und auch weiterhin gezeichnet vom Thema Robert Lewandowski. Wir würden Sie als Trainer auf sein Verhalten reagieren?

„Sehr, sehr traurige Situation. Ich finde es im wahrsten Sinne des Wortes traurig, wie sich der Fußball und die Handhabung mit Verträgen, geändert hat. Es ist einfach fürchterlich, wir verlassen komplett die Basis. Ein Spieler wie Lewandowski, der bislang ein Musterprofi war, der trotz auslaufendem Vertrag bei Borussia Dortmund geblieben ist und dann mit grandiosen Leistungen ablösefrei zum FC Bayern gewechselt ist. Jetzt hat er glaub ich acht Jahre für die Bayern großartig Fußball gespielt und hat ein Jahr Vertrag. Ich kann nicht begreifen, dass ein 34 Jähriger, obwohl er noch einen laufenden Vertrag hat bei dem besten Verein in Deutschland hat, so ein Theater veranstaltet.

Also jegliche Moral lassen wir mal ganz außen vor, aber diese Handlungen sind für mich nicht mehr nachvollziehbar. Und ich hätte den großen Wunsch, dass Bayern München das Ding mit Lewandowski durchzieht und sagt: ‚Du hast hier noch Vertrag, du spielst hier Fußball. Erfüll deinen Vertrag, dann kannst du hingehen wo du willst.‘ Leider, aus finanzieller Sicht ablösefrei, aber mit einer gewissen Konsequenz, die im Fußball verloren gegangen ist.

Ich hoffe, dass die Bayern das durchziehen. Aber wir wissen ja wie es ist, wenn Barcelona – übrigens ein Verein mit 1,5 Milliarden Schulden – ein Angebot macht, das die Bayern rein finanziell nicht ablehnen können, dann wird Lewandowski leider die Bundesliga verlassen. Das meine ich aber nicht menschlich, sondern rein vom Vertrag her. Eine traurige Situation, die sich dahingehend aber weiter entwickeln wird.

Traurig, dass Verträge wirklich gar nichts mehr wert sind. Die bedeuten nur mehr eine Geldbeschaffungs-Maßnahme. Moral und solche Dinge sind verloren gegangen und ich bin tiefst enttäuscht. Ich habe einmal die Hoffnung gehabt, dass es noch Ausnahmen gibt. Lewandowski war für mich eine Ausnahme, aber nicht mehr.“

 

Neururer über Fußball-Entwicklung: „Faustschlag für jegliches moralisches Denken“

 
Das Thema auslaufende Verträge und Spieler, die das nutzen um noch mehr Kapital herauszuschlagen, ist eines, dass Sie wütend macht?

„Richtig! Die Spieler, aber auch die Vereine und auch die Trainer sind mittlerweile beteiligt. Wenn ich bedenke, dass sie sich Ablösen in die Verträge schreiben lassen, damit sie den nächsten Schritt gehen können. Auch so eine Aussage die Spieler immer tätigen, aber ob sie wirklich den nächsten Schritt gehen? Vom Finanziellen ja, aber die winzigen Schritte die da gemacht werden.

Wir entfernen uns immer mehr vom richtigen Fußball. Es ist ein Geschäft geworden das brutal ist, bei dem jeglichen Themen von Ethik und Moral mit Füßen getreten werden. Wir müssen alle aufpassen, losgelöst von allem traditionellen, dass wir die Basis nicht verlieren. Denn wenn das irgendwann passiert, da wird die Blase irgendwann platzen, in der wir uns jetzt noch sehr wohl fühlen. Ich habe auch partizipiert an Überbezahlung, keine Frage, und habe nicht rumgemeckert. Aber wie sich die Nummer jetzt weiterentwickelt, ist einfach fürchterlich.

Wenn ich beim Wuppertaler SV als Vorstandsvorsitzender mit einem Trainer verhandeln würde – unser Trainer bleibt hoffentlich noch unheimlich lange – und mich mit dem auf Gehalt X einige und mir der dann sagt er möchte eine Ausstiegsklausel, würde ich diesen Trainer, egal in welcher Position ich bin, zur Tür verweisen. Ich würde sagen: ‚Einen Vertrag würdest du damit bei mir niemals, niemals unterschreiben.‘
Das ist ein Faustschlag für jegliches moralisches Denken.“

 
Wann ist der Punkt wo du oder die Fans sagen: Jetzt reicht’s?

„Der Punkt ist erreicht! Es reicht wirklich. Ich freue mich auf die Bundesliga, ich freue mich auf die 2. Bundesliga, auf die 3. und die 4. Liga. Ich freue mich, dass es endlich wieder losgeht mit Fußball, keine Frage.

Ich bemühe mich wirklich, diese wahnwitzigen Hintergründe zu verdrängen. Und in meinem eigenen Bereich dahingehend zu arbeiten, losgelöst von jeder Bezahlung, Fußball als Fußball zu sehen, als Freude sehen, als Lebensinhalt von mir aus auch, aber nicht nur als reines Geschäft.
Denn damit geht der Fußball irgendwann zu Grunde.“

 
Es gab zuletzt eine Tendenz dazu, dass die Spieler die Berater selbst zahlen sollen. Wie sehen Sie diese Tendenz?

„Wunderbar! Das ist aber leider nicht durchführbar.

Inwiefern werden diese Leute überhaupt beraten? Sie werden vermittelt, das ist Arbeitsvermittlung. Die Berater führen Telefonate. Dafür, dass sie ein Netzwerk haben, kassieren sie unglaubliche Summen. Aber für welche Arbeit bekommen sie das?

Ich finde Spieler, die einen Berater bzw. Vermittler brauchen, sollen diesen selber zahlen. Die verdienen an den Ablösen auch noch mit. Heutzutage gilt man ja als billig wenn man 50 Millionen Euro kostet und da verdienen die noch mit. Vereine wie Barcelona sind auf dem Markt unterwegs, mit 1,5 Milliarden Euro Schulden, aber können immer noch Spielern vom FC Bayern Angebote machen. Das hat mit Moral nichts mehr zutun.

Und diejenigen die sowas vermitteln, sollen auch von denen bezahlt werden, die sie benötigen – den Spielern. Aber da es immer Vereine gibt die sich solidarisch zeigen, wird es auch immer Vermittler geben und das ist leider ein Teil des Geschäftes geworden.
Es gibt gute Berater, es gibt auch gute Vermittler, aber abseits davon sollte man auch eine grundlegende Basis der Seriosität zurückkehren. Ansonsten ist das gefährlich für den gesamten Fußball.“

 
Eine weitere Tendenz im Fußball ist die halbautomatische Abseits-Entscheidung, die bei der WM praktiziert werden. Wie sehen Sie das?

„Irre. Auch der VAR ist für mich irre. Ich habe eine alte, konservative Meinung, die muss auch nicht richtig sein, muss aber auch nicht falsch sein. Man muss auch mit Fehlentscheidungen leben können, das gehört dazu.

Man muss Respekt haben, auch dahingehend, dass eine Entscheidung einmal falsch sein kann.
Tor oder nicht Tor? Hat der Ball die Linie überschritten? Ja, da sehe ich eine Torkamera absolut ein. Alles andere sollte so sein, wie es früher war. Wenn Videobeweis, dann sollte der keinen Einfluss auf Spielsituationen haben, die dann auch noch unterschiedlich interpretiert werden können.

Sie sollten nur Einfluss auf Entscheidungen haben, die der Schiedsrichter, die Linienrichter oder der vierte Offizielle nicht sehen können. Sprich Tätlichkeiten abseits des Geschehens, die sollten durch den VAR bestraft werden. Aber Eingriff in ein laufendes Spiel, ob Abseits oder kein Abseits, würde ich streichen und nur bei der Torkamera belassen.“

 
Die Energieversorgung in Europa in den Wintermonaten wird schwer werden und dann wird in Katar eine WM gespielt, bei der die Stadien von 45 Grad runtergekühlt werden.

„Unfassbar, einfach unfassbar. Genauso wie für mich unfassbar ist, dass eine WM zu dieser Jahreszeit sowieso und dann auch noch in Katar stattfindet. Aber das sagt eine Menge über die Entwicklung im Fußball aus. Es regiert nur das Geld.

Wir müssen nicht über Platini und Blatter reden, weil vom Prozess der da in der Schweiz abgelaufen ist, kennen wir die konkreten Details wohl nicht. Aber dieser fade Beigeschmack bleibt. Und der Fußball entwickelt sich in die falsche Richtung.

Die WM 2022 in Katar darf normalerweise niemals stattfinden. Aus sportlicher Sicht sowieso nicht. Wenn ich bedenke, dass zu dieser Zeit normalerweise Pause sein müsste, nun findet eine WM statt. Wenn man von Belastungssteuerung redet, ist das ein Ding, das absolut nicht geht.

Und darüber hinaus auch politische Dinge, lassen wir diese aber mal aus und reden nur über wirtschaftliche Dinge. Bei der weltweiten Problematik die wir derzeit haben, dürfte zur jetzigen Zeit niemals eine WM in Katar stattfinden.“

 
Zum Abschluss wieder etwas Positives. Sie haben in einem Interview einmal gesagt: ‚Es geht um die glücklichen Momente im Leben.‘ Welche Momente sind das aktuell für Sie?

„Aktuell ist es meine Familie, das ist der glücklichste Moment. Glücklich ist die Tatsache, dass ich mich gesund fühle und dass ich noch Freude empfinden kann bei einfachen Dingen.

Glückliche Momente im Sport-Bereich sind jene, die ich emotional selbst miterleben darf. Bei Siegen, aber teilweise auch bei Niederlagen im Bezug zu Vereinen die ich betreut habe. Also Freude am Leben habe ich mit Sicherheit noch reichlich.“

 
Vielen Dank, Herr Neururer.

„Tschau, tschau.“

 
Interview: Carsten Fuß

 

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Philipp Stottan

Philipp Stottan

Alter: 29 Nationalität: Österreich Lieblings-Wettanbieter: Bet-at-home, Bet365

Das Thema Sport und all seine Facetten begleiten Philipp seit er denken kann, zu Uni-Zeiten kamen dann auch die Sportwetten hinzu. Nach diversen Stationen im Journalismus entschied er sich dann dazu, seiner Wett-Leidenschaft auch beruflich nachzugehen. Vor allem in den Bereichen Fußball sowie US- und Kampfsport, kann man sich auf seine angesammelte Expertise verlassen.   Mehr lesen