Samba, Strand und Fußball – das macht Brasilien auf. Allerdings ist die einstige Großmacht des runden Leders bei weitem nicht mehr auf jenem Level, auf dem die Selecao fünf Weltmeister-Titel einfuhr und noch heute Rekordsieger ist.
Zuletzt schafften die Südamerikaner dieses Kunststück 2002 – also vor bereits 24 Jahren. Beim vorletzten WM-Titel 1994 mit von der Partie war niemand geringerer als Paulo Sergio, ebenfalls in den USA, die diesmal zumindest als Co-Gastgeber vertreten sind. Auf die Frage, wer sich 2026 zum Weltmeister krönt, kann der ehemalige Bayern- und Leverkusen-Profi nur mit „Ich hoffe Brasilien“ antworten. Bei den WM 2026 Quoten und Vorhersagen sind die Zauberer vom Zuckerhut aber nicht ganz vorne zu finden.
In „Beidfüßig – die WM-Prognose“ bei der Wettbasis wäre er schon mit einem guten Auftreten und Abschneiden zufrieden. „Ich hoffe, wie alle Brasilianer, auf eine gute WM. Wir haben das Spiel gegen Frankreich gesehen, das war von uns nicht so gut. Frankreich steht im Moment stabiler nach vorne als wir. Aber trotzdem: Brasilien ist Brasilien“, will Sergio nichts ausschließen.
Schließlich gibt es interessante Personalien wie Neymar, Vinicius Jr., Casemiro oder Marquinos, die nicht nur polarisieren, sondern noch dazu von einer wahren Trainergröße namens Carlo Ancelotti in Zaum, aber an der langen Leine gelassen werden. Wollt auch ihr von der WM profitieren? Nehmt kostenlos am WM Tippspiel teil und messt euch mit euren Freunden oder den WM-Experten der Wettbasis. Sichert euch auch den WM Wetten Bonus und checkt euch auch eine WM Gratiswette ohne Einzahlung.
Brasilien als Außenseiter zum WM-Titel? Paulo Sergio: „Wir haben sehr lange gewartet, wieder Weltmeister zu sein
Der Druck in Brasilien ist immer groß, zu den Top-Nationen im internationalen Fußball zu gehören. Diesen Anforderungen wurde die Selecao aber schon länger nicht mehr gerecht. Sinnbildlich darf dafür das 1:7 bei der WM 2014 gegen Deutschland ins Treffen geführt werden – eine Schmach für das Fußball-verliebte Land. Diesmal trifft die Selecao laut WM-Spielplan in der Gruppe C auf Marokko, Schottland und Haiti.
Paulo Sergio kann diese Erwartungshaltung richtig gut einschätzen: „Wir haben sehr lange gewartet, wieder Weltmeister zu sein. 24 Jahre haben wir vor 1994 gewartet, genau wie jetzt. Aber die Jungs müssen hochkonzentriert sein. Der Druck in Brasilien ist gigantisch. Sie müssen fest zum Trainer stehen. Sonst kommt alles auf Neymar an. Neymar ist heute der Schlüsselspieler, schauen wir mal, was passiert.“
Dabei spricht er bereits Schlüsselfiguren an, auf die wir noch näher eingehen werden. Möglicherweise liegt es aber Brasilien dieses Jahr besonders, eine Außenseiterrolle einzunehmen, da kein Experte den richtig großen Coup erwartet. „Ich bin viel in Brasilien und habe vor ein paar Jahren mit Pele gesprochen – Gott hab ihn selig. Er hat mir erzählt: 1970, als die Jungs zur WM fuhren, war der Druck zwar da, aber sie waren vorher gar nicht der absolute Top-Favorit. 1994 waren wir es auch nicht“, erinnert sich der Ex-Mittelfeld-Star an die WM-Sensation, an der er selbst beteiligt war.
„2002 war die Kritik im Vorfeld an Ronaldo, Ronaldinho und Kaka riesengroß – und die Jungs haben es trotzdem geschafft. Wir wissen nicht, was passiert und was Carlo Ancelotti aus dieser Mannschaft herausholen kann.“ Fünffacher Champions-League-Sieger mit zwei verschiedenen Mannschaften (Real Madrid, Milan) ist er bereits, auch den deutschen (Bayern), englischen (Chelsea), 2x spanischen (Real Madrid), italienischen (AC Milan) und französischen (PSG) Meistertitel sowie etliche weitere Titel sammelte der „Maestro“. Ein WM-Titel fehlt aber auch noch dem 67-jährigen Italiener in seiner Sammlung.
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Paulo Sergio warnt: „Wenn du heute mit Neymar, Raphinha und Vini Jr. spielst, ist das defensiv manchmal zu viel Risiko“
Damit ist zumindest ein Italiener bei der WM 2026 vertreten, nachdem die Squadra Azzurra die Qualifikation verpasste. Ist der Star-Trainer aber auch der richtige für die brasilianische Nationalmannschaft? „Das Wichtige bei Carlo ist: Er nimmt diesen extremen Druck ein bisschen weg. Er weiß, wie er die Stars anpacken muss, damit sie locker spielen können.“
Mit oft als „Diven“ bezeichneten Akteuren wie Vini Jr. oder Neymar kennst sich Ancelotti aus, Ersteren coachte er schon bei Real. „Aus meiner Erfahrung in der Nationalmannschaft: Wir hatten immer Trainer, die wollten mit drei Stürmern nach vorne spielen. Sie wollten damals Romario, Ronaldo und Bebeto vorne hinstellen. Aber Parreira hat 1994 gesagt: ‚Nein, wir spielen ein 4-4-2, das reicht uns.‘ Weil wir eine Balance im Mittelfeld brauchen, um gut zu stehen. Und es hat geklappt. Wenn du heute mit Neymar, Raphinha und Vini Jr. spielst, ist das defensiv manchmal zu viel Risiko“, sehnt sich Paulo Sergio nach mehr Stabilität, auf die Ancelotti sicher achten wird.
„Ich denke, sie sollten ohne Endrick spielen, dafür arbeitet Marquinhos hinten gut. Mit Spielern wie André oder João Gomes im Mittelfeld müssen wir kompakt stehen. Sonst kommst du bei einer WM, wo viel verlangt wird, nicht weit“, weiß der Weltmeister. Auch andere große Namen mussten zuerst einmal in die zweite Reihe treten, ehe ihnen der Durchbruch gelang.
So erinnert sich Sergio an einen gewissen Ronaldo, „Il Fenomeno“ bei der WM 1994. „Bei dieser WM habe ich selbst zweimal gespielt. Ronaldo war noch sehr jung. Wir hatten vorne zwei gesetzte Stürmer mit Romario und Bebeto, die super gespielt haben, da war die Möglichkeit für Ronaldo einfach nicht da. Aber dann kam 1998, da war er der Superstar, und 2002 wurde er Weltmeister. Man muss manchmal Geduld haben. Die heutigen Jungen sind sehr jung, aber sie können für die Zukunft noch viel lernen.“
Neymars Nominierung die richtige Entscheidung? „Diese jungen Spieler wie Vinicius Jr. sind noch nicht bereit, solchen Druck alleine zu tragen“
Nicht mehr jung, aber eine heiß diskutierte Personalie ist Neymar. Der Ausnahmekönner ist mittlerweile 34 Jahre alt, verletzungsanfällig und „nur“ mehr in seiner Heimat Brasilien beim Santos FC tätig. Was viele nicht für möglich gehalten hatten, wurde bei der Kader-Nominierung verkündet: Der ehemalige Barcelona- und PSG-Primgeiger ist bei der WM dabei!
Was denkt Paulo Sergio darüber? „Carlo hat die richtige Entscheidung getroffen. Wenn Neymar nicht dabei wäre, würde der Druck für ganz Brasilien zu groß werden. Als vor einigen Tagen die Liste herauskam und Neymar drauf war, fiel vielen ein Stein vom Herzen.“ Auch für ihn persönlich ist die Entscheidung die Richtige, denn Neymar hat in seiner Karriere schon viel erlebt.
„Wir brauchen heute erfahrene Spieler. Ich erinnere mich an meine Zeit 1990: Da hat Brasilien eine sehr schlechte WM gespielt. Dann kam 1994, wo ich dabei war. Diese erfahrenen Spieler zusammen mit den jungen Spielern – wir haben die Fehler von 1990 nicht mehr gemacht. Für uns war es bei der WM 94 wichtig, diese erfahrenen Leute dabei zu haben. Heute ist Neymar einer der wichtigsten Spieler für die Selecao. Jetzt kommt alles zusammen, der Druck ist schon da. Wenn ein erfahrener Spieler fehlt und wir den Druck nur auf Vinicius Jr. abladen…ich glaube, diese jungen Spieler sind noch nicht bereit, solchen Druck in diesem Moment alleine zu tragen.“
Auch Sergios deutsches Weltmeister-Pendant Guido Buchwald glaubt nicht, dass Neymar nur als Maskottchen zur WM mitgenommen wurde. „Ich glaube, er wird spielen und auch eine große Rolle bei den Brasilianern einnehmen. Weil er einfach ein überragender Fußballer ist, wenn er jetzt fit ist. Für ihn ist es auch so die letzte große Chance, noch mal für seine Karriere was Besonderes zu machen. Ich glaube, er wird genügend Ehrgeiz und Motivation haben und sich auf das Turnier absolut hundertprozentig vorbereiten.“
Sorgen einer brasilianischen Legende: „Für mich ist die Defensive das große Problem von Brasilien“
Dass Brasilien immer schon ein Offensivfeuerwerk abbrennen konnte, ist bekannt. Die Achillesferse der Selecao liegt aber bekanntlich woanders, und zwar in der Defensive. PSG-Abwehrchef Marquinhos ist auch in Brasiliens Abwehr der Routinier und eine absolute Führungspersönlichkeit, doch bei Vergleichen mit dem früheren Dunga winkt Paulo Sergio energisch ab.
„Oh nein, für mich nicht, weil Dunga war etwas Besonderes. Nach der schlechten WM 1990 wurde er heftig kritisiert. Aber 1994 hat Carlos Alberto Parreira gesagt: ‚Du bist mein Kapitän.‘ Vorher war es noch Rai. Dunga hat alles richtig gemacht. Man kann diese Zeit nicht mit heute vergleichen. Marquinhos ist für diese Mannschaft ein guter Kapitän, aber kein Dunga.“
Für den ehemaligen Bundesliga-Spieler steht und fällt der Erfolg Brasiliens mit der defensiven Arbeit. „Also für mich ist die Defensive das große Problem von Brasilien. Wir reden zu viel über die Spieler, die nach vorne spielen. Aber wir haben keine Außenverteidiger vom Format eines Cafu oder Roberto Carlos mehr auf den Seiten. Das gefällt mir heute nicht. Im Mittelfeld kann Marquinhos davor spielen, vielleicht auch Lucas Paquetá, ich weiß es nicht. Aber das macht mir ein bisschen Sorgen: Wenn du kein gutes Mittelfeld hast… 1994 haben wir mit Dunga und Mauro Silva gespielt, die beiden waren ein überragendes defensives Mittelfeld. Und heute? Wir haben Casemiro, aber er hat nicht mehr die Kraft wie früher. Das ist sehr gefährlich. Die Abwehr und das defensive Mittelfeld machen mir Sorgen.“
Die Frage, ob die brasilianischen Fans nur mit einem WM-Titel zufrieden wären und alles andere wie eine Niederlage gesehen werden würde, will Paulo Sergio nicht so unterschreiben. „Nach den letzten Eindrücken und dem Spiel gegen Frankreich rümpfen viele die Nase. Aber wenn sie ins Finale kommen oder eine gute Rolle spielen, glaube ich, sind die Fans zufrieden. Aber der Anspruch, Weltmeister zu werden… die Sehnsucht ist nach dieser langen Zeit einfach riesig.“
Sorgen einer brasilianischen Legende: „Für mich ist die Defensive das große Problem von Brasilien“
So haben sich die Zeiten geändert. Für Guido Buchwald war es immer speziell, auf Brasilien zu treffen, obwohl er durchaus erfolgreiche Begegnungen im Trikot des DFB-Teams hatte. Sogar ein Tor gelang ihm als Defensivspieler gegen die Südamerikaner, womit er dem anderen Experten in der Runde, Benny Lauth, etwas voraus hat.
„Es war immer was ganz Besonderes, gegen Brasilien zu spielen. Das ist eine Nation, die Fußball lebt – nicht nur auf dem Platz, sondern auch drumherum. Wir haben ein Länderspiel in Brasilia gehabt. Die Atmosphäre in der Stadt und alles drumherum… Also es war immer was ganz, ganz Besonderes und es waren ganz, ganz tolle Fußballer – zu meiner Zeit schon und auch jetzt. Und auch ganz tolle Charaktere, da muss man echt sagen. Von daher mag ich den brasilianischen Fußball unheimlich und ich bin gespannt, wie sie das beim Turnier zusammenbringen“, so Buchwald.
Benjamin Lauth eiferte seinen früheren Idolen dafür schon zeitig nach, vor allem die Brasilianer hatten es ihm angetan. „Ich habe natürlich früher im Garten als kleiner ‚Brasilianer‘ viele Tore gemacht, weil ich wollte immer Bebeto, Romario, Ronaldo, Rivaldo oder Ronaldinho sein. Es waren halt immer die Brasilianer, die man sein wollte, weil sie einfach wahnsinnig viel Spaß gemacht haben, wenn man ihnen zugeguckt hat.“
Wenn das auch bei dieser Weltmeisterschaft der Fall wäre, würden sich mit Sicherheit einige Fußball-Fans freuen. Trotzdem bleiben am Ende die Fragen, ob die Defensive gegen die Top-Teams hält und ob das große Brasilien der Erwartungshaltung gerecht werden kann.
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