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Equipe Tricolore in der Krise: Die Probleme Frankreichs vor der WM 2022

Philipp Stottan  19. Juni 2022
Didier Deschamps ist laut Micoud und Rothen für die Probleme verantwortlich. (© IMAGO / Buzzi)

Die französischen Nationalspieler werden womöglich keinen besonders schönen Urlaub verbringen können. Fünf Monate vor dem Start der Titelverteidigung in der WM 2022 Gruppe D gegen Australien (22. Juni) hat Coach Didier Deschamps etliche Baustellen die ihm heftige Kopfschmerzen bereiten.

Die Leistungen seiner Elf in diesen vier Nations-League-Spielen im Juni (2 Mal vs. Kroatien, jeweils 1 Mal vs. Dänemark und Österreich) brachten viele Erkenntnisse, vor allem negativer Natur:

Taktisch vermittelten Karim Benzema und seine Kameraden einen faden Eindruck: Eine Mischung aus Orientierungslosigkeit, zu wenig Kreativität und mangelnder Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Tor.

L’Equipe-Journalist und DAZN-Stimme Alexis Menuge hat für Wettbasis.com mit zwei Ex-Spielern gesprochen, die sich in der Materie auskennen: Johan Micoud und Jérôme Rothen.

 

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Johan Micoud über Frankreich: „Spieler hatten keine Energie mehr“

Nach diesen zwei schwarzen Wochen wird die Kritik immer lauter und der Druck nicht minder in den Reihen des zweimaligen Weltmeisters (1998 & 2018).

Ex-Nationalspieler Johan Micoud (17 Länderspiele) findet auf der einen Seite Ausreden für Les Bleus: „Im letzten Herbst hat Frankreich die Nations League gewonnen und zwar nach richtig tollen Spielen gegen Belgien im Halbfinale und Spanien im Finale. Dieses Mal aber findet dieser Wettbewerb am Ende einer intensiven Saison statt.“

Und weiter: „Schauen Sie sich die anderen Gruppen an: Auch England ist zum Beispiel Letzter in seiner Gruppe und wirkte nicht wirklich fokussiert. Man hätte diese vier Länderspiele zu einem günstigeren Zeitpunkt organisieren sollen. Die Spieler hatten keine Energie mehr, sie wirkten meistens lustlos. Irgendwie ist es nachvollziehbar.“

Nichtsdestotrotz fragt sich der ehemalige Spielmacher und Meister 2003/04 des SV Werder Bremen: „Hat selbst Didier Deschamps nach zehn Jahren als Nationaltrainer die nötige Kraft und genug Energie um die kommenden Herausforderungen anzunehmen? Wir dürfen nicht vergessen, dass die Spiele in den vergangenen Monaten nicht besonders berauschend waren. Im Halbfinale der Nations League gegen Belgien waren wir in der ersten Hälfte klar unterlegen.“

„Er muss sich wieder mehr in den Dienst der Mannschaft stellen. Allein wird er nicht Weltmeister werden. Wie 2018, als er mehr mit seinen Mitspielern gespielt hat. Dahin muss er wieder kommen.“

Johan Micoud

Auch die Spieler-Bestellungen des Coaches kritisiert er: „Auch dass Karim Benzema sechs Jahre lang nicht mehr eingeladen war, ist im Nachhinein ein grober Fehler. Warum hat Deschamps ihn nicht früher zurück geholt? Dann wären zweifelsohne die Automatismen mit seinen Mitspielern heute deutlich griffiger gewesen. Auch das Zusammenspiel zwischen Benzema und Mbappé ist noch nicht perfekt. Beide haben auch nicht so oft zusammenspielen können.“

Vor allem Kylian Mbappé bekommt einigermaßen seinen Fett ab. „Es gibt zwei Gesichter von Mbappe: Der reine Ausnahme-Stürmer, der sensationelle Treffer erzielt. Sowie der Kylian, der manchmal zu egoistisch agiert, der nur an sich denkt und immer wieder all seine Kollegen vergisst wie zuletzt beim 0-1 gegen Kroatien wenn er an den Ball kommt.“

 

WM Spielplan 2022

 

Jerome Rothen über Deschamps: „Er stellt Nkunku falsch auf“

Jérôme Rothen, der 13 Mal zwischen 2003 und 2007 Nationalspieler war und heute als Moderator bei Radio-Sender RMC Sport aktiv ist, geht ebenfalls in die Offensive.

Der Ex-Flügelspieler mit dem fulminanten linken Schuss von PSG und Monaco zeigt sich besonders sauer auf Deschamps: „Ich werfe ihm viele Entscheidungen vor in diesen vier Spielen, aber auch bereits vorher. Dass er im vergangenen Herbst beim Final Four in der Nations League die Dreierkette eingeführt hat, war absolut mutig und gut. In diesem Schema hat die Equipe tolle Leistungen gezeigt.“

So meint der 44-Jährige: „Warum kehrt dann Deschamps nach nur einer einzigen schwächeren Leistung zur Viererkette zurück? Er bringt sich selber in Schwierigkeiten und natürlich dazu seine Spieler. Dazu stellt er einige Spieler auf der falschen Position auf.“

Rothen fokussiert sich dabei auf einen Spieler: „Das beste Beispiel: Christopher Nkunku, der bei RB Leipzig eine überragende Saison bestritten hat und zwar in der Mitte. Nun stellt ihn Deschamps auf dem rechten Flügel auf. Ich habe das Gefühl, dass wir wieder fast bei Null beginnen müssen, ausgerechnet nur ein paar Wochen vor dem WM-Start. Der Herbst wird heiß.“

Der einzige Lichtblick in dieser Nations League hieß tatsächlich Christopher Nkunku. Der zum besten Bundesliga-Spieler der Saison gewählte Nkunku wusste seine Chance zu nutzen und übt immer mehr Druck auf Antoine Griezmann aus. Der Star von Atlético Madrid wartet seit Januar wettbewerbsübergreifend auf einen Treffer (Verein & Nationalmannschaft). Nun werden sogar viele Stimmen wieder erheblich laut, die die Rückkehr von Olivier Giroud im Hinblick auf den kommenden Herbst vehement einfordern.

Johan Micoud
Bild: Werder-Legende Johan Micoud kritisiert Deschamps scharf. (© IMAGO / Eibner)

 

Johan Micoud: „Wird Deschamps seine Stützen opfern?“

Trotz seiner 35 Jahre ist der französische Torjäger Giroud gerade italienischer Meister mit dem AC Mailand geworden. Mit dem Nationaltrikot auf seine Schultern wirkt er fast immer beflügelt, wie seine 48 Treffer in 112 Länderspielen beweisen.

„Giroud hat die Erwartungen in der Nationalmannschaft stets erfüllt“, fügt Johan Micoud hinzu. „Er trifft ohne Ende. Es wäre logisch, wenn er bei der WM zumindest im Kader dabei wäre. Er kann sich in der Gruppe problemlos einfügen. Als Einwechselspieler wäre er auch eine wichtige Waffe.“

Die Kern-Frage im Hinblick auf die WM 2022 lautet: Wird sich Deschamps trauen, seine einstigen Weltmeister und feste Größen von 2018, wie Torwart Hugo Lloris, Abwehrchef Raphael Varane, Mittelfeldstratege Paul Pogba und Star-Stürmer Antoine Griezmann zu opfern?

All diese Spieler stagnieren seit vielen Wochen. „Ich kann es mir kaum vorstellen. Didier ist vor allem für seinen Pragmatismus berühmt. Ich kann nicht glauben, dass er sich ändern wird. Aber wer weiß, keiner hätte zum Beispiel mit der Dreierkette gerechnet“, beschließt Micoud.

Bis zum nächsten Pflichtspiel in der Nations League gegen Österreich im Stade de France (22.September) gibt es also reichlich Arbeit für Didier Deschamps.

 

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Philipp Stottan

Philipp Stottan

Alter: 29 Nationalität: Österreich Lieblings-Wettanbieter: Bet-at-home, Unibet

Das Thema Sport und all seine Facetten begleiten Philipp seit er denken kann, zu Uni-Zeiten kamen dann auch die Sportwetten hinzu. Nach diversen Stationen im Journalismus entschied er sich dann dazu, seiner Wett-Leidenschaft auch beruflich nachzugehen. Vor allem in den Bereichen Fußball sowie US- und Kampfsport, kann man sich auf seine angesammelte Expertise verlassen.   Mehr lesen