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Martingale-System


Auf dieser Stichwort-Seite finden Sie die Artikel zu Martingale-System und Sportwetten im Allgemeinen.


Mit Sportwetten ein reguläres Einkommen erzielen oder gar reich werden? Wer hat nicht schon einmal daran gedacht? Nicht zuletzt durch die Omnipräsenz der Massenmedien hat sich die Sehnsucht nach einer Anhäufung sozialer Statusgüter in unseren Persönlichkeitsstrukturen verfestigt. Die Wiederkehr einer dominant materialistischen Wertestruktur nach den idealistischen Utopien der 1960er und 1970er Jahre ist offensichtlich. Die Wirtschaftskrise hat es uns noch einmal deutlich gemacht: Den Job fürs Leben gibt es nicht mehr. Unsicherheiten bestimmen das Wirtschafts- und damit auch zunehmend das Gesellschaftssystem. Wäre es da also nicht wunderbar, mit Sportwetten monatlich Geld auf das eigene Konto zu schwemmen? Wenn man es ganz geschickt anstellt, könnte man sich vielleicht sogar ein von Sorgen befreites Leben „erspielen“.

Die Sehnsüchte nach finanzieller Unabhängigkeit und dem Besitz sozialer Statusgüter sind also durchaus menschlich. Und in eben diesen Sehnsüchten wurzelt eine Vielzahl dubioser Angebote im Internet. Auch hier ist der Antrieb ein monetärer. Allerdings wird er auf dem Rücken argloser Glückssucher ausgetragen. Wir müssen gar nicht lange nach solchen Offerten fahnden. Sei es über Google oder Videoportale wie Youtube. Ohne großen Rechercheaufwand stoßen wir auf Werbevideos oder Homepages, die ultimative Wettsysteme oder monatliche Vorhersagedienste zu horrenden Kosten anbieten und einen regelmäßigen Gewinn versprechen. Bei einigen werden einigermaßen moderate Erwartungen geschürt. Andere wiederum treiben das Spiel mit den Sehnsüchten auf die Spitze.

Vor einiger Zeit stieß ich auf eine solche Homepage, die ihre Versprechungen ins Unermessliche treibt. Angepriesen wird ein Vorhersagesystem eines diplomierten Statistikers für die amerikanische Major League Baseball (MLB) und die National Basketball Association (NBA), das eine 97-prozentige Trefferquote besitze.

Schon das Layout der Homepage, deren Adresse hier ungenannt bleiben soll, um bloß keine Werbung für den Dienst zu machen, erfüllt die typischen Kriterien. Die Homepage besitzt keine Unterseiten. Der Leser kann sich vom Anfang der Seite bis zu ihrem Ende endlos durchscrollen. Und zwar durch zahllose Belege für die Unfehlbarkeit des Systems, durch Dankesschreiben zufriedener und nun unfassbar reicher Kunden und nicht zuletzt durch Bilder allseits bekannter und ersehnter Statusgüter. Keine der dubiosen Seiten kommt ohne Fotos von schicken Sportwagen, Luxusimmobilien, Flachbildfernsehern und sonstigen Sachen, die das Leben schöner machen, aus.

Nur für die nächsten 72 Stunden könne ein Preis von 197 Dollarn garantiert werden, denn immerhin seien früher 399 verlangt worden. Es wird auf das Grab der eigenen Mutter – ja tatsächlich – geschworen, dass das System, wenn eine bestimmte Anzahl an Käufen erreicht sei, nie wieder angeboten werde. Wir haben es offensichtlich mit einem Idealisten zu tun.

Zusätzlich erhalte der Käufer lebenslange kostenlose Sportwetten-Tipps und auch noch ein System für die amerikanische National Football League (NFL) mit einer Treffergenauigkeit von immerhin 63 Prozent obendrauf. Und als ob dies noch nicht genug wäre, wird ein 55-prozentiger Einzahlungsbonus bei einem großen Sportwettenanbieter, der allerdings ungenannt bleibt, dazugelegt. Bereits mit der ersten Wette habe man den Kaufpreis wieder eingespielt. Warum also noch zögern?

Nun ja, bevor wir 197 Dollar über den Online-Bezahldienst Paypal ins irgendwo überweisen, wollen wir doch noch ein wenig im Internet recherchieren. Aber was ist das? Google spuckt zig Seiten aus, auf denen das System in höchsten Tönen gelobt wird. Erfolgsstatistiken und Wetttagebücher vervollständigen den Lobgesang. Nun ist wirklich alles klar. Die 197 Dollar sind gut investiert. Unsere Eintrittskarte zur Erfüllung unserer Sehnsüchte zum Greifen nah. Nur eine Transaktion trennt uns noch vom großen Glück.

Zum Spaß kann man ja noch mal das Wort “scam” (engl. Betrug) und „review“ (engl. Rezension) im Zusammenhang mit dem Namen des Anbieters bei Google eingeben. Nur pro forma, um dem warnenden Engel auf der linken Schulter wenigstens etwas entgegen zu kommen. Und siehe da: Wir stoßen auf einen Erfahrungsbericht, der uns schon in der Überschrift Ungutes verheißt. Und da lesen wir, dass das angebotene Wettsystem einen Account bei dem genannten „großen Sportwettenanbieter“ zwingend voraussetzt. Wenn bei diesem Buchmacher ein Benutzerkonto angelegt worden sei, solle man sich per E-Mail beim Anbieter des Wettsystems melden. Anschließend erhalte man das Erworbene. Man bekomme jeweils drei Tipps, so der Erfahrungsbericht weiter. Verliere man eine Wette, müssten die Einsätze jeweils erhöht werden. Die Quoten bewegten sich immer im Bereich zwischen 1,50 und 1,60. Es handelt sich also, dem Erfahrungsbericht zufolge, um ein typisches Martingale-System der Verlustprogression. Einem hohen Wettrisiko stehen niedrige Gewinne gegenüber. Zudem scheint der ominöse Wettsystemanbieter einen auf Provisionszahlungen basierenden Kooperationsvertrag mit dem angepriesenen Buchmacher geschlossen zu haben.

Aber bei so vielen positiven Rückmeldungen könnte es sich bei dem Erfahrungsbericht doch um die Stimme eines aus irgendeinem Grund beleidigten Wettfreundes handeln. Um der Objektivität Genüge zu tun und genauere Informationen zu erhalten, schickte ich dem Wettsystemanbieter unten stehende Presseanfrage, in der ich ihn überfreundlich bat, sein Angebot zu konkretisieren:

 

For years I have been studying a great variety of betting systems that often promised to be foolproof. Of course none of them was.

Searching the internet I – of course – detected a lot of doubts about your system. So, I´d like to ask you what sort of facts you take into consideration to offer a statistically calculated betting system and how the bettors can get to know these facts. On your website you write one could win about 12.000$ every week. So, am I right to think that one has to gamble for high stakes to achieve these benefits? And what makes the MLB and NBA leagues especially suitable for a foolproof system?

I also would be interested to know if there have already been any reactions of the sports betting industry and the media about your betting system. Did you ever think about having your system translated into German to cover the German, Austrian and Swiss market?

 

Als Antwort erhielt ich eine offensichtlich zu großen Teilen standardisierte E-Mail, in der weder meine Fragen beantwortet noch nähere Informationen preisgegeben wurden:

 

With your investment in my system, you will receive the complete criterias required to determine when and who to bet for whenever the games come up. In addition, you will also receive my lifetime service dedication where I will send you every pick when they come up, in the case that you do not want to do the research yourself. The picks will be delivered to you through email, and I’ll be committed to providing you this service at no extra costs for life! The stats that the system use will be explained as soon as the member accesses the system.

You can wager as much or as little as you wish and earn any kind of income you’d like.

 

Obwohl ich es verständlicherweise nicht einsah, 197 Dollar für das angepriesene System zu zahlen, um mir schließlich selbst ein Bild zu machen, scheint der oben wiedergegebene Betrugsvorwurf nicht von der Hand zu weisen. Diesen Schluss legt allein eine rationale Betrachtungsweise nahe. Versuchen also wir einmal, das Angebot zu reflektieren.

Punkt eins: Wieso sollte jemand, der ein absolut bombensicheres Wettsystem entdeckt hat, andere daran teilhaben lassen? Diese Frage schwebt wie ein Damoklesschwert über all den zweifelhaften Sportwetten-Angeboten des World Wide Web. Konkurrenz belebt nicht etwa das Wettgeschäft. Nein, sie zerstört es. Die Gefahr, dass sich Wettanbieter auf das beschriebene System einstellen oder Quoten zunehmend in den Keller sinken, ist schlicht zu hoch.

Punkt zwei: Sicherlich können Statistiken ein Anhaltspunkt für eine Wettentscheidung sein. Allerdings können Sportereignisse nicht zu an hundert Prozent grenzender Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden. Das ist unmöglich. Allenfalls kann, wie beim Martingale-System, durch Erhöhungen des Wetteinsatzes das statistische Verlustrisiko minimiert werden – jedoch, wie beschrieben, um den Preis eines enormen Verlustrisikos.

Aber wie kommt es dann zu all den positiven Rezensionen, die wir im Internet finden? Das hat vorrangig zwei Gründe. Einerseits werden solche Websites fingiert, um verbliebene Zweifel potentieller Käufer auszuräumen. Andererseits verbessern die Querverlinkungen der Seiten untereinander und die Verwendung suchrelevanter Schlüsselbegriffe die Platzierung des Angebotes im Google-Ranking, was wiederum die Verkaufszahlen erhöht. Die meisten Menschen schauen sich eben nur die ersten beiden Seiten einer Google-Anfrage an. Das ist übrigens auch der Grund, wieso negative Rezensionen tendenziell seltener wahrgenommen werden.

Daher der eindeutige Rat: Lassen Sie sich nicht von dubiosen Angeboten angeblicher Wettpropheten in die Irre führen. Hier wird gezielt und schamlos mit menschlichen Sehnsüchten gespielt, um die eigenen Taschen zu füllen. Am Ende profitiert jedoch immer nur einer von solchen Offerten, nämlich der Verkäufer. Dankenswerterweise sind nicht nur die beschriebenen Sehnsüchte menschlich, sondern auch die Fähigkeit des vernünftigen Überlegens ist es. 

22. Juli 2009 / Andree - Kategorie: Wett-Empfehlungen

Vielen interessierten Wett-Freunden dürfte es bereits bekannt sein. Doch immer wieder stößt man auch bei ambitionierten Sportwettern – in Reinform oder als Teil eigener Wettstrategien – auf einen weit verbreiteten Irrglauben, nach dem über eine stete Verdoppelung verlorener Einsätze ein dauerhafter Gewinn erzielt werden könne. Diese „Strategie“ hat ihren Ursprung beim Glücksspiel Roulette. Es handelt sich um das so genannte Martingale-System“.

Der Grundgedanke ist der Folgende: Der Grundeinsatz wird bei einer verlorenen Wette so lange verdoppelt bis eine Wette gewonnen wird. Ist dies der Fall, beginnt die Reihe wieder mit dem Grundeinsatz.

Begründet wird diese „Strategie“ mit einer bei jedem weiteren Spiel sinkenden Wahrscheinlichkeit einer verlorenen Wette bzw. einer steigenden Gewinnwahrscheinlichkeit, die sich bis auf 99 Prozent maximiere.

Nehmen wir das Roulette-Beispiel: Die einfachste Möglichkeit bei diesem Glücksspiel ist es, sein Geld auf ROT oder SCHWARZ zu setzen. Für jede Farbe stehen die Chancen bei annähernd 50 Prozent, denn außer ROT und SCHWARZ kann die Kugel nur noch auf der NULL landen. Im Gewinnfall erhält der Spieler das Doppelte des Einsatzes. Das Äquivalent wäre bei einer Sportwette somit eine Quote von 2,0.

Setzen wir also 5 Euro auf ROT und verlieren, steigt der Einsatz in der nächsten Runde auf 10 Euro. Verlieren wir erneut, setzen wir in der dritten Runde 20 Euro. Bei einem abermaligen Verlust beträgt der Einsatz in der vierten Runde 40 Euro usw.

Der Einsatz berechnet sich also wie folgt: Verlorener Einsatz (ROT/SCHWARZ) x 2

Diese uralte Gewinnstrategie wird immer wieder auch Sportwettern ans Herz gelegt. Man suche sich Sportereignisse mit denselben Quoten (etwa immer 2,0) – am besten solche mit lediglich zwei möglichen Wettausgängen – heraus und verfahre nach demselben Verfahren.

Es handelt sich hierbei jedoch um einen Irrglauben, der sich leicht entlarven lässt: Beim Roulette steigt die Wahrscheinlichkeit, dass nach einer ROT-Runde beim nächsten Mal SCHWARZ fällt keinesfalls. Die Roulette-Scheibe besitzt kein „Gedächtnis“. Das Spiel startet somit jedes Mal wieder von vorn. Es ist schlicht genauso wahrscheinlich, dass 13mal hintereinander ROT oder SCHWARZ fällt wie beide Farben abwechselnd auftauchen können.

Auch jedes Sportereignis beginnt immer wieder bei einem 0:0, bei null gefahrenen Runden, null gespielten Sätzen usw. Zwar kann man durch genaue Recherche auf den Favoriten einer sportlichen Auseinandersetzung setzen. Nur weil man vorher drei Mal zur Quote 1,90 verloren hat, steigen jedoch nicht automatisch die Gewinnchancen bei der vierten Wette.

Gehen wir einfach einmal davon aus, wir beginnen mit einem niedrigen Einsatz von 5 Euro und verlieren die ersten sieben Wetten. In der achten Runde läge unser Einsatz bereits bei 640€. Wir hätten mittlerweile also 635 Euro (5€ [Runde 1] + 10€ [R2] + 20€ [R3] + 40€ [R4] + 80€ [R5] + 160€ [R6] + 320€ [R7]) plus 640€, also 1275€, gesetzt. Und auch mit dieser achten Wette geht keinesfalls eine Gewinngarantie einher. Verlieren wir wieder, müssen wir – gemäß der Martingale-Strategie – beim nächsten Mal 1280€ setzen. Und sollte unser Tipp dann tatsächlich aufgehen, haben wir bei einem Risiko von 2555€ einen Gewinn von 5€ erzielt.

Nun sind wir – der Einfachheit halber – von einer jeweiligen Quote von 2,0 ausgegangen. Liegt die Quote jedoch niedriger, etwa bei 1,80, müssen die Folgeeinsätze dementsprechend um mehr als 100 Prozent erhöht werden, in diesem Fall um etwa 125 Prozent, um den Grundeinsatz zu verdoppeln.

Das Martingale-System wird also von dreierlei Begrenzungen ausgebremst: Erstens der Begrenzung des zur Verfügung stehenden Eigenkapitals, zweitens der Begrenzung des Einsatz- bzw. Gewinnlimits bei Wettanbietern bzw. Casinos und schließlich drittens von der Begrenzung der bei dieser riskanten Strategie arg in Mitleidenschaft gezogenen Nerven.

Die Empfehlung lautet daher: Schonen Sie Ihre Nerven und Ihren Geldbeutel und belassen Sie das Martingale-System dort, wo es hingehört: Auf dem verstaubten Dachboden der Wett-Irrtümer.

19. November 2008 / Andree - Kategorie: Wett-Empfehlungen









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